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"Ästhetische Feldforschung"

Fragen an den Medienkünstler Michael Weisser
zum Langzeitprojekt „Compressions“.
Ein Künstlergespräch mit Prof. Dr. Bernd Vesper, Dekan im Fachbereich Medien an der University of Applied Sciences Kiel, 2015.


Herr Weisser - was bedeutet „Kunst“ für Sie?

Für mich ist Kunst eine überaus wirksame Methode um die Welt zu entdecken, sie zu erforschen, sie sammelnd zu begreifen und sie in meinem Sinn zu gestalten.

Dazu nutze ich die Medien
Bild, Klang und Wort, experimentiere im Grenzbereich von analog und digital und materialisiere Ideen, die ich miteinander vernetze.

Um in diesem Sinn wirksam zu werden spielt „das Prinzip Reise“ eine zentrale Rolle. Reisen heißt für mich, sich geistig und körperlich bewegen und darüber stets neue Standpunkte einnehmen – es geht mir um Standpunkte zur Welt und damit auch zu mir. Stete Bewegung ist die stete Überprüfung von Standortes und Blickrichtung.

Die Methode in der ich arbeite ist die „Ästhetische Feldforschung“, bei der ich fremde Orte besuche, mich auf die Atmosphären, Räume, Naturen und sozialen Bedingungen einlasse und diese vorsichtig erkunde. Ich lasse die jeweiligen Energien auf mich wirken und erfasse die Bilder und Klänge durch Fotografie und Tonaufzeichnung. Manchmal sammle ich auch Objekte, die Teil eines Werkes werden. Und selbstverständlich sammle ich in steter Neugier Eindrücke und Erfahrungen.

Im Verlauf der Reisen und der nachfolgenden Bearbeitung der Bilder und Klänge entstehen Werke in verschiedenen Medien, die ich zeitbegrenzt ausstelle oder die ich bleibend in Räumen installiere.

Was ist das Ziel dieser Arbeit?

Mir geht es darum, den „spirit“ von mir fremden Orte zu erfassen. Ich möchte Neues kennenlernen oder Bekanntes neu erfahren. Ab 1987 habe ich die spontane Fotografie als Kunst-Projekt definiert und für die Weltmusik der kanadischen Formation G.E.N.E. Konzepte entworfen, die analoge Weltklänge und Bilder zu intensiven Atmosphären konzentrierten.
So entstanden zahlreiche CDs mit atmosphärischer World-Music, in die exotische Originalklänge eingearbeitet sind. Die Farbbooklets geben Auskunft über die Orte, von denen die Musik inspiriert ist. Ab 2000 habe ich begonnen, diese Bildwelt optisch zu verdichten und jedem Ort ein „komprimiertes“ Kunstwerk zu widmen.

Sie nennen ihr Langzeitprojekt „Compressed-World“. Um welche Orte und um welche Motive handelt es sich bei dieser Werkserie?

Der Kulturkritiker Dr. Rainer Bessling hat in einem Essay einige Orte genannt, die einen ersten Eindruck von der Spannbreite und auch von meinen Vorlieben sichtbar machen. Ich zitiere:

„In seiner Ästhetischen Feldforschung erkundete Michael Weisser „Neuland“ ob bei Lagerfeuergesängen auf der Osterinsel (Chile), in einer Felsenhöhle am Ayersrock (Australien), bei einer WooDoo-Session im afrikanischen Busch (Kenia) oder in den Dünen der Skeleton Coast von Namibia. Auf der Suche nach dem „Spirit“ eines Ortes führt ihn der Weg durch die USA zum Grand Canyon (Arizona), in den Yellowstone Park (Wyoming), durch das National Monument Craters of the Moon (Idaho), zum Arches National Park (Utah) und auf den Vulkan Mount St. Hellen (Washington). Er hat die Tempel auf SriLanka, in Hong Kong, Lan Tao und auf Bali ebenso gesehen, wie die Schreins in Tokyo, und er hat die Grabsteine der Friedhöfe in den schottischen Highlands ebenso abgelichtet wie auf der Halbinsel Cape Cod (USA). Er fotografierte die Megalithen des Callanish Stone Circle auf der Insel Lews (Schottland), das Meer der Neonlichter von Las Vega (Nevada) und von Kaoloon (HongKong). Die überfüllten Schluchten zwischen den Hochhäusern und das zerstörte World Trade Center von New York waren in gleicher Weise sein Thema wie der einsame Kejimkujik National Park auf der Halbinsel Nova Scotia (Canada) oder die Inseln der Kap Verden, der Seychellen, der Malediven, von Fidschi oder von den Inseln in Polynesien.“

Das sind jetzt aber „nur“ die Bilder. Auf welche Weise werden diese Fotos komprimiert und dann zu Werken der Kunst?

Ich lasse den jeweiligen Ort, die Architektur oder das Thema und seine besondere Stimmung auf mich wirken. Ich sehe, höre, rieche, schmecke und fühle. Dann fotografiere ich intuitiv das, was mich anspricht. Nach einer Zeit merke ich, dass mir bestimmte Objekte, Stimmungen, Ansichten, Details offensichtlich wichtig sind. Diesen Motiven gehe ich dann gezielt nach und sammle Varianten. Unter diesen Bildern wähle ich schließlich 10 Motive aus, setzte die Breite jedes Bildes auf 100cm und komprimiere die Höhe auf 10cm. Das Bild wird verzerrt, enthält aber weiterhin alle Informationen. Diese schmalen Streifen werden an Rechner wie ein Sediment übereinandergeschichtet und komponiert, so dass ein Endformat von 100x100cm entsteht.

Wie wirken diese komprimierten Bilder?


Farben, Kontraste und Formen der zehn geschichteten Streifen verschmelzen miteinander und verbinden sich zu einem neuen Bild, das in überraschender Weise in seiner abstrakten Erscheinung für mich den „spirit“ des Themas erfasst. Diese Werke präsentiere ich in AUsstellungen und Büchern und verkaufe sie um meine neuen Reisen zu finanzieren.

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