<<<< zurück >>> Ästhetische Feldforschung >>>

Strand:GUT
Ausstellung in Leer

Ein Beitrag zur Archäologie des 21. Jahrhunderts. Fundstücke im Sand verschiedener Nordeeinseln. Fotografische Ansichten gesammelt im Mai/Juni 2008 . Eine Kooperation von Michael Weisser (Bilder) und Inge Buck Poesie) 2008-2013.

> Das Konzept >>>
> Die Bildwelt >>>
> Ausstellung Bremen >>>
> Kooperation Kippenberg Gymnasium >>>
> Kooperation Hermann Böse Gymnasium >>>
> Installation Kiel >>>
Ausstellung und Lesung Galerie, 2009

Ausstellung und Lesung Stadtbibliothek, 2010

Plakat zur Ausstellung in der Stadtbibliothek Leer

>>>

Einführung zur Ausstellung und Buchpräsentation mit Inge Buck und Michael Weisser von Prof. Dr. Rudolph Bauer in der EastEnd-Galerie, Delmenhorst am 14. August 2009

Der heutige Abend,
meine Damen und Herren,
ist einer der Bilder und der Texte.

Die Bilder, die ausgestellt sind, basieren auf computergrafisch bearbeiteten Fotografien und entstanden am Meeresstrand der norddeutschen Küste und der Nordsee-Inseln. Die fotografierten und reproduzierten Objekte sind Standgut: „am Strand angetriebene Sachen“.
Die Texte, die in Korrespondenz zu den Bildern entstanden sind, wurden teils angeregt durch die fotografischen Arbeiten von Michael Weisser, teils waren sie für den Fotokünstler Anlass zur Suche nach korrespondierenden Bildern.
Korrespondieren/Korrespondenz sind Stichwörter, die uns einen Zugang erlauben zu der hier gezeigten Ausstellung und zur Präsentation des Bildkunst- und Dichtkunstbandes, der im Bremer sujet-Verlag erschienen ist.

Da sind zunächst zwei kreative Menschen, die sich nach einem gemeinsamen Treffen in einem Briefwechsel darüber per e-Mail austauschen, um die Bilder des einen und die vorhandenen bzw.noch zu schreibenden Texte der anderen zusammenzutragen und daraus etwas Gemeinsames – ein gemeinsames Werk - entstehen zu lassen, ein Werk, das Ihnen heute Abend vorgestellt wird: das Buch „strand:GUT“, in dem übrigens auch die erwähnte Korrespondenz zwischen Inge Buck und Michael Weisser veröffentlicht ist und einen Einblick erlaubt in den mehrmonatigen Entstehungsprozess.

In dem Buch von Inge Buck und Michael Weisser korrespondieren Bild und Text. Bild und Wort nehmen Bezug aufeinander, teilen sich mit, verkehren miteinander, tauschen sich aus, stehen miteinander im Dialog, in einem besonderen Dialog.

In der Person des Bild- und Medienkünstlers Weisser einerseits und in Gestalt der Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Lyrikerin Inge Buck andrerseits begegnen sich zwei unterschiedliche Menschen, ja zwei Welten und auch zwei Arten der Welt zu begegnen:
Es korrespondieren der im Norden am Meer, an der stürmischen See hinter dem Deich geborene Cuxhavener und die aus Tübingen Gebürtige, in Süddeutschland in einer Gegend aufgewachsen, wo es hügelig und waldreich ist.
Es verbinden sich in dem hier vorzustellenden Buch der Gestalter des Visuellen einerseits und die Wortkünstlerin andrerseits; das Raffinement der bildnerischen Bearbeitung mit der schlichten Einfachheit des Wortgedankens; die Poesie des dokumentarischen Strandgut-Bildes mit den zarten Bildmetaphern der Strandgut-Lyrik.

Es verschränken sich ferner:
# die reflexive Haltung dessen, der sich mit Hilfe des fotografischen Mediums die Natur gleichsam dokumentierend aneignet, mit der sensiblen Intimität des poetischen Blicks der Dichterin;
# das Festhalten von Fakten der äußeren Welt mit der Innenwelt von Fiktionen und Visionen;
# das Präzise mit dem Intuitiven;
# die Distanz mit der Nähe;
# das bildnerische Fragment und die schriftstellerische Komposition – oder auch die bildnerische Komposition mit dem lyrischen Fragment;
# die mediale Konstruktion mit der genialischen Inspiration;
# das Sichtbare mit dem Nichtsichtbaren;
# das transparent Lichte mit dem rätselhaft Dunklen.

Die Gegenüberstellung der beiden, in ihrem Arbeiten miteinander korrespondierenden Künstler, der beiden von ihnen vertretenen Welten und Weltsichten, ihrer beider Arten des künstlerischen Zugangs zur Welt und auf die Wirklichkeit hin ließe sich noch um einige weitere Aspekte ergänzen.
Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit aber lieber noch auf etwas anderes orientieren und hinlenken. Nämlich darauf, dass die nähere Beschäftigung mit den hier ausgestellten Arbeiten von Michael Weisser etwas erkennen lässt und zeigt, was aus der Korrespondenz der Bilder mit den Texten von Inge Buck nicht zwingend hervorgeht bzw. vom Betrachter und der Betrachterin übersehen werden kann. Nämlich, dass in den hier präsentierten Weisser’schen Arbeiten die von mir genannten Korrespondenzen mit der Lyrik von Inge Buck im Kern bereits angegelegt und zu erkennen sind. Ich nenne sieben Aspekte:

# Weissers Bilder zeigen nicht nur die reflexive Haltung dessen, der sich mit Hilfe des fotografischen Mediums die Natur dokumentarisch aneignet; sie enthalten auch die sensible Intimität des poetischen Blicks.
# Michael Weisser hält nicht nur die Fakten der äußeren Welt fest, sondern seine Bilder evozieren ebenso die Innenwelt der Fiktionen und Visionen. Das Vergängliche und zum Teil Schreckliche wird transformiert zu einem Neuen, führt zu einer ästhetischen Sicht, die über das Hier und Jetzt hinausweist.
# Das Präzise verbindet sich bei Michael Weisser durchaus auch mit dem Intuitiven, Gefühsmäßigen.
# In seinen Bildern beziehen sich Distanz und Nähe in frappierender Weise aufeinander. Und sie streben zugleich auseinander.
# Michael Weisser verbindet in seinen Bildern das Fragmentarische, Stückhafte, mit der Komposition, dem Ganzen, der bildnerischen Einheit.
# Weisser kombiniert das Sichtbare mit dem Nichtsichtbaren, und …
… bei ihm korrespondiert das transparent Lichte der wachen Bewusstheit mit dem rätselhaft Dunklen, Geheimnisvollen, dem Magischen.
Dazu: Auf enigmatische Weise ist in seinen „strand:GUT“-Bildern immer auch das Sterben gegenwärtig, und es „lebt“ in diesen Aufnahmen der Tod.
Fürwahr, am Strand kann vieles entdeckt, gefunden, wiedergefunden werden: Nicht nur auf Tod, Verwesung, Destruktion und Abfall treffen wir, sondern auch auf die Schätze des Neuen, des Konstruktiven, des Lebens.

Wie heute in einer Zeitungsüberschrift zu lesen war, ist die See und war sie schon immer ein Massengrab; denken Sie etwa an die Schiffbrüchigen, die gekenterten Bootsflüchtlinge, die Opfer des Tsunami, die Toten von New Orleans.

Nicht zuletzt ist das Meer, das Wasser, aber auch die Quelle allen Lebens.
Große Zusammenhänge in einer kleinen Galerie!
Ich wünsche der Ausstellung viel Erfolg und Ihnen, den Besucherinnen und Besuchern, viele anregende und nachdenklich machende Entdeckungen
in Wort und Bild!
Rudolph Bauer

>>>>